Gut gemacht.
Belanglos. Generisch. Einheitsbrei.
Neulich habe ich genau diese drei Worte auf ein Stück Papier gekritzelt. Ich selbst reflektiere mich ständig. Mich und das was ich tue. Vor allem jetzt zum Jahresende passiert das sehr intensiv, weil ich das Jahr noch einmal Revue passieren lasse.
Es war ein ereignisreiches Jahr. Mein 40. Lebensjahr war und ist in vielerlei Hinsicht aufwühlend gewesen. Da es sich auf dieser Webseite jedoch um die Fotografie dreht, möchte ich dir dazu meine Gedanken offenlegen.
Das „Instagram-Game“ habe ich dieses Jahr, es müsste Mitte 2025 gewesen sein, sehr deutlich zurückgedreht. Es kostet viel Zeit und bringt keinen Ertrag. Ich benötige keine Werbung für mich, geschweige denn meine Bilder. Ich fotografiere weil es mir Spaß macht und mir Seelenheil verschafft. Als Ausgleich, um Luft ans Gehirn zu lassen, um den Augen wieder Weitblick zu schenken.
Die Beweggründe zu fotografieren sind für viele von uns verschieden. Manche halten ihr Hobby in den Händen, manche halten ihr Hobby mit der Kamera fest, manche fotografieren beruflich und wiederum andere betätigen sich als Influencer.
Influencer sind eine Berufsgruppe, deren Daseinsberechtigung heute größer den je ist. Durch die Allgegenwärtigkeit von sozialen Medien haben Influencer einen großen Einfluss auf unsere Gesellschaft und auch auf deren Werte. Doch so tief möchte ich gar nicht schürfen.
Ich möchte mir meiner ausgesprochenen, persönlichen Wahrnehmung nur mehr an der Oberfläche kratzen. Dafür allerdings mit einem ganz spitzen Gegenstand, damit man es auch spürt, egal ob angenehm oder unangenehm. So als würde man sich an der Kante eines Stück Papiers schneiden.
MySpace, Vine, Facebook, Instagram, Snapchat, TikTok und viele davor und vermutlich auch viele danach prägen unsere Wahrnehmung, oder versuchen es zukünftig. Was als gute Idee gestartet ist, fühlt sich mittlerweile wie einer der größten Fehler unserer Spezies an. Aus „Social Media“ wurden Plattformen für rohen Kapitalismus. Sozusagen Plattformkapitalismus. Seelenlose Mittel zu Werbezwecken. Das ist auch völlig in Ordnung, gäbe es da nicht derer die, welche unter dem Vorwand sozial zu handeln nur mehr ihr Eigenwohl im Sinn zu haben.
Doch zurück zu den Bilden. Hier begegnen mir immer mehr gut gemachte Bilder. Gut gemacht. Ja. Mehr allerdings auch nicht. Konstruierte, seelenlose Abbildungen eines Moments der atmosphärisch wirken soll, doch die Geschichte, geschweige denn der Sinn des Bildes bleibt dem Betrachter unzugänglich. Kein Wunder, es ist nur ein Bild des Bildes wegen. Der „Fotograf“ hat zwar Licht und Schatten, und vielleicht noch einen bis ein dutzend Menschen ins Bild laufen lassen, oder auf einer Kirchenbank niedersitzen lassen, doch mehr als höchstens gut Aussehen tut das Bild nicht.
Versteh mich bitte nicht falsch. Auch solche Bilder muss es geben, nur werden wir mittlerweile überflutet von selbigen. Der Bildersteller, oder die Bilderstellerin macht sich kaum mehr Gedanken über die Komposition. Ein heller Lichtstreif auf grauem Asphalt, ein wenig Hell, viel Dunkel, und am Ende noch etwas an den Reglern gedreht. Fertig ist das Bildmaterial des 21. Jahrhunderts.
Ich selbst schreibe ungerne Texte unter meine Bilder, schon gleich gar nicht versuche ich meine Bilder zu beschreiben. Ich möchte den Betrachterinnen zumindest die Chance einräumen in meine Fotografie hinein zu fühlen. Sich selbst „ein Bild davon zu machen“. Dennoch mache ich es. Und während ich es tue missfällt es mir. Ich habe akzeptiert, dass es Menschen gibt, die das eben auch gerne lesen.
Nicht jedes meiner Bilder hat den Tiefgang den ich mir wünsche. Manche sind fürchterlich banal. Manches soll ein Schmunzeln hervorrufen. Auch ein auf den ersten Blick langweilige Bild, kann Elemente enthalten, die später interpretiert werden können. Manchmal merke ich das selbst erst auf den zweiten Blick. Das empfinde ich als Okay. Ich empfinde es sogar als sehr gut, weil mir das Foto zu einem späteren Zeitpunkt erneut in den Sinn gekommen ist. Es hat also seine Spuren hinterlassen. Gut so!
Ich möchte, dass meine Bilder wie Geschichten mit offenem Ende sind. Wie etwas, dessen Ausgang man nicht kennt. Etwas, dass dazu anregt einen Moment länger hinzusehen. Das gelingt mir wahrlich nicht immer. Ich gebe mir aber viel Mühe. Versprochen. Meine Dokumentationen erzählen oft Geschichten und meine Geschichten entpuppen sich oft als Dokumentationen.
Gut gemacht. Generisch. Polierter Einheitsbrei. Und wenns nicht funktioniert, macht man es schwarzweiß. Und dann das Kamerahopping. Für eine Werbepartnerschaft, manchmal auch nur für das eigene Ego macht man alles. Da wechselt man auch gerne mehrfach im Jahr die Kameramarke. Und jedes mal ist alles super. Super Sensor, super Knöpfe, super Display, super dies, super das.
Nur eins bleibt Beständig: Die langweiligen, reproduzierbaren Bilder. Gegenlichtschrott, wenig Tiefgang, wenig Geschichte. Nichts sagende Bilder. Sehen gut aus, können aber nichts.
Ein weiterer Grund, warum ich mich in 2025 von Instagram distanziert habe. Einheitsbrei der zum Doomscrolling führt. Anfang 2025 meinte jemand zu mir „Mensch Micha, das waren wirklich tolle Bilder. Mir ist bewusst geworden, dass deine Bilder an die Wand projiziert, viel besser funktionieren, als auf Instagram.“.
Das ist richtig! Und ich bin unheimlich froh über diese Aussage. Mein Ziel ist es nunmal nicht, dass meine Bilder auf einer Werbeplattform funktionieren, die Bilder im Format eines Smartphone Displays voraussetzt.
Bunt muss es sein, knallen muss es, ins Auge stechen muss es. Da wird schonmal ordentlich am Bild herumgeschraubt. Gut, dass muss jeder selbst wissen. Bildbearbeitung ist etwas höchst persönliches und war auch schon immer da. Ja, tut mir leid, auch zu analogen Zeiten. Alle die es nicht glauben, mögen einen Blick in die Darkroom Serie der weltbekannten Agentur Magnum werfen. Magnum veröffentlich und verkauft Bildmaterial auf dem die Bearbeitungsnotizen (für die Personen, welche das Bild ausbelichten) enthalten.
Meine ehrliche und höchst persönliche Meinung ist jedoch, dass ein schlechtes Bild durch Bearbeitung nicht besser wird. Ein schlechtes Bild bleibt ein schlechtes Bild. Egal wie sehr man daran herumschraubt und tüftelt.
Ein gutes Bild hingegen, kann durch gezielte Bearbeitung besser werden. Tag täglich begegnet uns eine Flut an gut gemachten Bildern, deren Aussage nur eine ist: Gut gemacht. Um es mit anderen Worten auszudrücken: „Will aber kann nicht“. Mir wäre es lieber, wenn uns in Zukunft wieder mehr Zeitzeugnisse begegnen. Fotografien die uns einnehmen, die uns zum Nachdenken anhalten, die uns gerne auch sozialkritisch vor den Kopf stoßen, wie zum Beispiel die Bilder des jüngst verstorbenen Fotografen Martin Parr.
Ich wünsche mir Bilder, die ein Knistern im Kopf hervorrufen, oder die so banal sind, dass man trotzdem die nächsten Tage drüber nachdenken muss. Nur um sich am Ende vielleicht seinen eigenen Sinn ausgemalt zu haben.
Hinzu kommt, dass wieder die Bilder im Vordergrund stehen dürfen, unverdeckt von den stellenweise schon narzisstischen Gestalten, deren einziges Vorhaben es ist der Welt erklären zu wollen, wie toll sie, ihre Kamera, ihre Kameratasche oder auch ihre Bilder sind und wie man diese doch auch hinbekommt. Ständig muss sich irgendwer behaupten, und die Person, die am lautesten Trommelt, findet auch die meiste Beachtung. Doch die wirklich guten verstecken sich oft im sanften halbdunkel, mit einer Flasche Bier in der Hand und wippen entspannt mit dem Fuß, während sie in aller Ruhe das nächste sehenswerte Motiv erblicken.
Cheers.